Ferdinand Haug „Die Irminsul“ Korrespondenzblatt „Germania“ Jahr 2 - Heft 3 /4 - Mai / August 1918

Kommisionsverlag Jos. Baer & Co. , Frankfurt am Main

Wichtigste Hinweise:

Seite 68:  Die Irminsul.

Von der berühmten Irminsul ist eigentlich nichts sicher überliefert, als dass sie ein hochverehrtes Heiligtum der heidnischen Sachsen war, dass von Karl d. G. gleich bei seinem ersten Feldzug in ihr Land a. 772 gründlich zerstört wurde. […] Karl drang schnell und energisch in das Innere des Sachsenlandes ein, um den Widerstand des tapferen, an seinen heidnischen Glauben und seiner Unabhängigkeit zäh festhaltenden, aber raubgierigen und kulturfeindlichen Stammes zu brechen. Es gelang  ihm auch alsbald, die Hauptfeste Eresburg zu erobern und das Hauptheiligtum, die unweit davon stehende Irminsul, zu zerstören. Die Eresburg wurde durch Umbau verstärkt, von den Sachsen aber nach Karls Abzug wieder zurückerobert (a. 774 und 776), dann wieder von ihm gewonnen und wieder hergestellt (a. 775 u. 776); im Jahre 784/85 nahm er dort seinen Winteraufenthalt, legte neue Befestigungen an und hatte dort sein Standquartier bis Juni 785. Auch ander Burgen, Ortschaften und Gaue werden im Verlauf der Feldzüge Karls gegen die Sachsen vielfach erwähnt; aber von einem Versuch der Erneuerung der Irminsul oder von anderen ähnlichen Heiligtümern ist weder in diesen Jahren noch in der Folgezeit irgendeinmal die Rede, obgleich die Sachsen bekantlich erst im Jahr 804 zu völliger Unterwerfung unter die fränkische Monarchie und zur Annahme des christlichen Glaubens gebracht wurden. […]

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Anmerkung: Wie im Text beschrieben gab es viele Kämpfe um die Eresburg. Zum Schluss waren die Franken erfolgreich und verstärkten die Burganlage. Ebenso wird die Frage formuliert, warum die Sachsen die Irminsul entweder auf der Eresburg oder an einem anderen Ort nicht wieder aufgestellt haben. Das erklärt sich gewiss von selbst, da das hochverehrtes Heiligtum eine solche Größe und Einmaligkeit hatte und eine erneute Errichtung aufwendig und in einem solchen kurzen Zeitraum nicht möglich war. Wie im nachfolgenden Text aufgeführt, ist die Rede „von etwas Großem, Gewaltigem“. Ebenso muss in die Überlegung mit einfließen, dass die Irminsul nicht nur ein Gegenstand war, sondern auch in dem heiligen Hain, eine oder mehrere Funktionen zusätzlich innehatte.

Seite 69: […] Eine Beschreibung der Irmensul ist in den Chroniken nirgends gegeben; sie wird je nur mit dem Wort bezeichnet als fanum, idolum, aber auch als lucus, genauer nur von dem Poeta Saxo […]. Der Mönch Rudolf in Fulda, schreibt in der Translatio S. Alexandri: Truncum ligni non parvae magnitudinis in altum erectum sub divo colebant, patria eum lingua Irminsul appellantes. Wir haben uns also einen heiligen Hain zu denken, in dem ein mächtiger, mit Opfergaben, Trophäen usw. schön geschmückter, säulenartiger Baumstamm stand, der eben speziell Irminsul genannt wurde. […] Eine Frage kann nun sein, ob wir uns einen künstlich zugehauenen mächtigen Holzbalken zu denken haben, der in die Erde gesenkt und säulenartig aufgerichtet war, oder den noch fest in der Erde wurzelnden Stamm eines uralten, ehrwürdigen Baumes, wahrscheinlich einer Eiche, vielleicht noch mit Stümpfen der Äste. Für das erstere hat sich auf Grund der Stelle bei Rudolf Kuhlmann entschieden (S.55); das zweite dürfte aber doch wegen der leichteren Ausführung und wegen der auch sonst den mächtigen alten Bäumen gewidmeten religiösen Verehrung wahrscheinlicher sein. […]

Seite 70-71: […] Hiernach bleiben wir bei der Ansicht stehen, dass uns nur eine Irminsul bekannt ist, nämlich die von Karl d. G. im Jahre 772 im Sachsenlande zerstörte. Ihr Gedächtnis wirkt lange nach, ohne bestimmte Vorstellung von ihrer Gestalt, aber mit der allgemeinen Idee von etwas Großem, Gewaltigem. […]

Seite 72: […] So sind wir denn auch beim Wort Irminsul geneigt, den ersten Teil nur als Verstärkung des Begriffs Säule zu fassen, in dem Sinn von mächtige, starke, erhabene Säule, jedenfalls in adjektivischem Sinn, wie auch Rudolf und Widukind es aussprechen. Doch ist noch eine andere Auffassung möglich, dass nämlich Irminsul steht für  Irmin(e)ssul, d. h. Säule des Gottes oder Halbgottes Irmin, nach Analogie des oben aus mündlicher Überlieferung im Volksmund angeführten Namens Irmineswagen. […] Von den Thorsäulen im skandinavischen Norden wissen wir nichts Näheres. Weiter führen könnte die Vergleichung mit der in der Edda vorkommenden Esche Ygdrasil, auf welche z. B. Much hinweist in der Abhandlung „Holz und Mensch“. Sie ist dort der alles umfassende Weltenbaum, dessen Zweige den Himmel beschatten, dessen Wurzeln in die Erde und Unterwelt liegen. Allein die selbständige Fortentwicklung der heidnischen Mythologie im Norden bis  in die christliche Zeit Mitteleuropas hinein verbietet uns weitgehende Schlüsse auf die Zeit des Heidentums im Sachsenland, und der Esche Ygdrasil ist nur etwas Gedachtes, Mythologisches, wie der Titane Atlas, der nach der griechischen Vorstellung das Himmelsgewölbe trägt, nicht etwas Reales, Historisches wie die Irminsul.  Ferdinand Haug.

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